Beschämende Entwicklung

Am 9. November gedenken die Regionen der Opfer der Reichspogromnacht. Doch Antisemitismus ist nicht aus der Welt

Am 9. November 1938 wurden die Synagogen in Rheydt und Mönchengladbach zerstört. Beide waren sichtbare Zeichen jüdischen Lebens und Glaubens in der Stadt. 81 Jahre später muss die heutige Synagoge immer noch von der Polizei bewacht werden. (c) Garnet Manecke
Am 9. November 1938 wurden die Synagogen in Rheydt und Mönchengladbach zerstört. Beide waren sichtbare Zeichen jüdischen Lebens und Glaubens in der Stadt. 81 Jahre später muss die heutige Synagoge immer noch von der Polizei bewacht werden.
Datum:
Mo 28. Okt 2019
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 44/2019 | Garnet Manecke

Am 9. November werden in Mönchengladbach, Korschenbroich und Jüchen zum ersten Mal alle Kirchenglocken zum Gedenken an Opfer der Reichspogromnacht und deren Folgen läuten. Auch Gedenkveranstaltungen wird es geben. Angesichts des wieder auflodernden Antisemitismus in Deutschland müssen sich Christen die Frage stellen, wie sie ihren jüdischen Nachbarn gegen Anfeindungen helfen können.

Sechs Millionen Frauen, Männer und Kinder jüdischen Glaubens sind dem Wahn der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen. Sie wurden ihrer Rechte und Habe beraubt und in Konzentrationslagern umgebracht. Die Täter waren ihre Nachbarn, die Menschen, mit denen sie in einer Stadt, in einem Land gelebt haben. Ihre Chefs und ihre Angestellten, ihre Lehrer und ihre Schüler. Auch in Mönchengladbach wurden die jüdischen Gemeinden ausgelöscht. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden die Synagogen in Rheydt und Mönchengladbach zerstört. Zu diesem Zeitpunkt waren schon 60 Prozent der jüdischen Geschäfte und Unternehmen „arisiert“: Die jüdischen Eigentümer wurden gezwungen, ihre Firmen zu verkaufen – meist weit unter ihrem Wert.

Schon in den Jahren zuvor wurden jüdische Bürger schikaniert. Im April 1933 wurde zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen, 1935 wurden Juden durch die Nürnberger Gesetze ihre Staatsbürgerrechte genommen. Das alles geschah unter den Augen ihrer christlichen Nachbarn und der Kirchen. Die Reichspogromnacht ist 82 Jahre her, in vielen Städten und Gemeinden der Regionen Mönchengladbach und Heinsberg wird daran erinnert. Der Satz „Das darf nie wieder geschehen“ wird in den Reden wieder fallen und „Wehret den Anfängen“. Doch das Stadium der Anfänge ist angesichts des Attentats in Halle längst überschritten.

 

Ende des Nationalsozialismus bedeutete nicht Ende des Antisemitismus

Die Generation der Groß- und Urgroßeltern musste sich von ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln die Frage stellen lassen, warum sie diese Verbrechen nicht verhindert haben. In der Gegenwart aber müssen sich nun die kritischen Nachfahren fragen: „Was tun wir eigentlich, um die Wiederholung der Geschichte zu verhindern?“ Nach dem Angriff auf die Synagoge in Halle sind die Schutzmaßnahmen für die Synagogen in Deutschland wieder verschärft worden. Vor dem Gotteshaus in Mönchengladbach steht wieder die Polizei.

Aber schon vorher gab es Sicherheitsvorkehrungen, wie man sie von einem christlichen Gotteshaus nicht kennt. Wer in die Synagoge eintreten möchte, muss durch eine Sicherheitsschleuse. Ohne vorherige Anmeldung und das Vorzeigen des Personalausweises ist ein Besuch nicht möglich.  Diese Sicherheitsvorkehrungen sind keine neue Erscheinung. Denn mit dem Ende des Nazi-Regimes ist nicht automatisch das Ende des Antisemitismus gekommen. Er hat weitergelebt, wenn er auch nicht immer so offen wie heute geäußert wurde.

Leah Floh, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, hat schon 2014 in einem Interview geäußert, dass sich die Juden in Deutschland nicht mehr sicher fühlten. Sie berichtete von täglichen Hass-Mails, von Beleidigungen und Erniedrigungen und davon, dass das Wort „Jude“ auf Schulhöfen wieder als Schimpfwort benutzt wird. Wer ihr damals die Bedrohung nicht geglaubt hat, wurde in den vergangenen vier Jahren eines Besseren belehrt. Schon vor dem Angriff auf die Synagoge gab es Übergriffe auf Menschen jüdischen Glaubens: Im Sommer 2018 wurde ein jüdischer Professor in Bonn angegriffen, weil er mit seiner Kippa als Jude zu erkennen war. Die Polizisten hielten ihn für den Täter. 

 

Pro Tag vier bis fünf rechtsextrem  motivierte Angriffe gegen Juden

Der Angriff ist kein Einzelfall, wie ein Blick in die Statistik des Bundeskriminalamtes zeigt. Seit 2001 werden die Fallzahlen zur sogenannten „Hasskriminalität“ erfasst. Die Zahlen sind erschreckend hoch: Die höchste Anzahl von Straftaten mit antisemitischem Hintergrund wurde 2006 mit 1809 registriert, gleich darauf folgt das Jahr 2018 mit 1788 Straftaten. Die niedrigste Zahl steht für das Jahr 2010 mit 1268 in der Statistik. Und noch etwas zeigt die Statistik ganz deutlich: Die weitaus meisten Täter haben einen rechtsextremen Hintergrund. Von den 1799 Straftaten 2018 waren 1602 von rechten Ideologien motiviert. Das sind pro Tag vier bis fünf Angriffe. Die Bedrohung, der sich die jüdischen Mitbürger ausgesetzt sehen, ist keineswegs marginal.

Wenn man Leah Floh fragt, wie man ihrer Gemeinde konkret helfen kann, dann sagt sie: „Gründen Sie eine Initiative zur Finanzierung einer neuen Synagoge.“ Die Antwort erscheint im ersten Moment ungewöhnlich und vielleicht sogar überzogen. Aber ist sie das wirklich? Nach dem Krieg wurde die jüdische Gemeinde für den Verlust ihrer Gotteshäuser nicht entschädigt. Einzig das Haus, in dem heute das jüdische Gemeindezentrum untergebracht ist, wurde ihr stark beschädigt zurückgegeben. Eine Synagoge in der Stadt wäre ein sichtbares Zeichen: „Das jüdische Leben ist Teil dieser Stadt.“  Die jüdische Gemeinde in ihrem Vorhaben zu unterstützen und ihr dabei zur Seite zu stehen, wäre ein klares Signal gegen Antisemitismus. Es braucht Zeit, eine Synagoge zu bauen. Zeit, die im Kampf gegen den Rechtsextremismus und Antisemitismus genutzt werden muss.

Schon mit vermeintlich kleinen Schritten kann man seinen Mitmenschen deutlich den Rücken stärken: bei der Teilnahme an Gegendemonstrationen, wenn Rechtsextreme durch die Stadt ziehen. Bei Wahlen, indem man seine Stimme nicht Parteien gibt, die Andersdenkende „jagen“ wollen. Oder indem man hin und wieder die Synagoge besucht, sich mit jüdischen Traditionen und der Geschichte auseinandersetzt.  Ein Weg, der nicht einfach ist, wie einige Beispiele in Mönchengladbach zeigen. Immer wieder kommt es auch zu Missverständnissen und Konflikten. An dem gemeinsamen öffentlichen Gedenken von Stadt und Kirchen am 9. November beteiligt sich die jüdische Gemeinde nicht mehr. Sie richtet eine eigene Gedenkveranstaltung in ihren Räumen aus.  Die Reaktionen bei Konflikten sind für Nicht-Juden oft nicht nachvollziehbar. Weil sie nicht wissen können, was es bedeutet, mit dem Trauma der Verfolgung zu leben – auch Jahrzehnte nach dem Massenmord.  Dass solche Traumata in Familien auf die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden, hat die Psychologie längst bewiesen. Dass diese Traumata wieder eine reale Grundlage bekommen, ist beschämend.